Surfen sieht von außen so leicht aus. Ein Brett, eine Welle, ein bisschen Sonne. Und dann steht da jemand scheinbar mühelos auf und gleitet übers Wasser. Wenn man es selbst probiert, merkt man sehr schnell: So einfach ist es nicht. Du brauchst Kraft. Vor allem in der Körpermitte. Du brauchst Körperspannung und auch Beweglichkeit. Dann muss das Timing stimmen. Und du musst bereit sein, öfter ins Wasser zu fallen, als dir lieb ist. Viel öfter.
Genau deshalb finde ich Surfen so interessant. Nicht, weil jede Frau surfen sollte. Sondern weil Surfen viel über den Körper zeigt. Und über das, was wir oft falsch verstehen, wenn wir über Stärke sprechen.
Stärke ist nicht Härte
Viele Frauen verbinden Stärke mit Durchbeißen. Mehr leisten. Mehr schaffen. Mehr aushalten. Noch ein bisschen härter zu sich selbst sein. Aber körperliche Stärke funktioniert anders.
Beim Surfen bringt dich Härte nicht weiter. Wenn du verkrampfst, wirst du langsam. Wenn du zu viel kontrollieren willst, verlierst du das Gefühl für den richtigen Moment. Wenn du nur gegen die Welle arbeitest, kommst du nicht weit.



Du brauchst Spannung, aber keine Verkrampfung. Du brauchst Fokus, aber keine Panik. Du brauchst Kraft, aber auch Beweglichkeit. Das gilt genauso fürs Krafttraining.
Eine gute Kniebeuge ist nicht einfach nur „runter und rauf“. Ein guter Push up ist nicht einfach nur Arme beugen. Ein gutes Training ist nicht möglichst viel Erschöpfung. Es geht darum, den eigenen Körper unter Belastung besser steuern zu können.
Fortschritt sieht selten elegant aus
Surfen ist sehr ehrlich. Du kannst nicht so tun, als könntest du es schon. Ich war vor 1,5 Jahren schon mal in einem Surfcamp mit 5 Surfeinheiten. Und natürlich hab ich gehofft, dass ich dieses Mal schon besser bin. Aber: Die Wellen haben mir sofort gezeigt, wo ich stehe, nämlich ganz am Anfang. Mal war ich zu früh, mal zu spät. Mal bin ich zu langsam aufgestanden, mal zu sprunghaft. Dann hab ich nach unten geschaut, ganz schlecht. Und ich hab mehr Zeit im Wasser als am Brett verbracht. Aber das gehört dazu.
Genau so ist Fortschritt auch im Training. Nicht jede Einheit fühlt sich gut an. Nicht jede Wiederholung ist perfekt. Nicht jede Woche bringt einen sichtbaren Sprung. Trotzdem passiert etwas. Unser Körper lernt. Das Nervensystem lernt. Die Bewegung wird vertrauter. Die Angst vor Belastung wird kleiner.
Ich glaube, das ist für viele Frauen ein wichtiger Punkt. Wir müssen nicht alles sofort können, damit es sinnvoll ist. Wir müssen auch nicht besonders sportlich starten. Wir müssen nur bereit sein, unseren Körpern (wieder) etwas zuzutrauen.
Krafttraining gibt Frauen mehr als Muskeln
Natürlich baut Krafttraining Muskulatur auf. Das ist wichtig. Gerade ab 30 und noch mehr ab 40, weil Muskelmasse dann zunehmend abnimmt. Aber Krafttraining macht noch etwas anderes.Es verändert die Art, wie Frauen ihren Körper erleben.Viele Frauen sind es gewohnt, ihren Körper zu bewerten. Zu kontrollieren und zu vergleichen.
Im Krafttraining verschiebt sich der Fokus auf: Was kann mein Körper? Wie stabil stehe ich? Wie gut kann ich Spannung aufbauen? Wie fühlt sich Belastung an, wenn ich sie dosieren kann? Wie viel mehr geht, als ich gedacht habe?
Das ist ein großer Unterschied. Der Körper ist dann nicht mehr nur etwas, das angeschaut und bewertet wird. Er wird wieder zu etwas, das trägt.

Was Surfen und Krafttraining gemeinsam haben
Beides zeigt dir ziemlich schnell, dass Kontrolle nicht alles ist. Du kannst dich vorbereiten. Du kannst Technik üben. Du kannst stärker werden. Aber du musst trotzdem mit dem arbeiten, was gerade da ist.
Mit der Welle. Mit dem Gewicht. Mit deinem Energielevel. Mit deiner Konzentration. Mit deinem Körper an diesem Tag. Das ist für mich ein sehr gesunder Zugang zu Training.
Surfen hat mich wieder daran erinnert, was ich auch im Krafttraining immer wieder sehe: Stärke entsteht nicht durch Härte gegen sich selbst. Sie entsteht durch Wiederholung. Durch Technik. Durch Vertrauen. Durch das Dranbleiben, auch wenn es nicht sofort funktioniert.
Und sie entsteht, wenn Frauen anfangen, ihren Körper nicht mehr nur zu bewerten, sondern ihn zu benutzen.
